Hartmut Danneck

 

Bernsteinherz

Band 3 der Keltensaga um Artun und Eflida

271 S., 6 Abbildungen, eine Karte

epubli Verlag Berlin 2023

Taschenbuch, ISBN 978-3-7575-8225-8

14,99 €


Artun und Eflida, die Keltenzwillinge von der oberen Donau, wollen auf eine abenteuerliche Fahrt gehen:  ans Griechenmeer zu ihrem Freund Philippos. Zuerst wird in der Danoburg das Orakel des heiligen Kessels befragt. 

Am Griechenmeer werden die Drei von Piraten entführt. Auf der Flucht aus der Sklaverei warten Abenteuer bei einem feuerspeienden Vulkan, im Labyrinth eines Königspalastes und bei einer Verfolgungsjagd über eine griechische Insel auf sie. 

Dabei stoßen sie auf eine junge Ägypterin, die an einen Königssohn verheiratet werden soll, auf machtgierige Hofbeamte, arme Fischer, einen eigenwilligen Philosophen und eine griechische Dichterin. 

Als sie dem finsteren Mulakbal in die Quere kommen, wird es lebensgefährlich.


Eflida und Artun tauchen in diesem Band in die faszinierende Welt der griechische Kultur ein.
„Bernsteinherz‟ ist Bd. 3 der Keltensaga um Artun und Eflida, nach Bd. 1 „Die Kelteneiche‟ und Bd. 2 „Das Gold von Pyrene‟.


Inhalt
1    Der sprechende Kessel    7
2    In Fesseln   18
3    Bilder der Nacht    33
4    Am Tor zur Unterwelt    35
5    Die Würfel fallen    55
6    Im Labyrinth von Sardis    76
7    Menet-Latifa, die Ägypterin   93
8    Im Schutz der Dichterin    119
9    Der Alte vom Berg    129
10  Sonne, Steine und ein Hund    146
11  Saddus Heimweh    161
12  Das Fest der Hera    171
13  In der Bucht von Athen   191
14  Gefahr in Poseidonia   206
15  Drei Wunder    230
16  Kampf im Tempel    238
17  Kurs nach Norden   250




 Abbildungen: Adelheid Schelkle-Danneck


Kapitel 1:

Der sprechende Kessel
„Und was wäre, wenn wir mitreiten nach Massalia?‟, sagte Artun langsam und schaute seine Zwillingsschwester Eflida an. Eflida war verblüfft. Sie warf einen Blick auf Philippos und sah, dass auch er überrascht war.
„Mitreiten? Mit Philippos? Ans Meer?‟, fragte sie.
„Artun, dein Ernst? Das, das wäre eine Sache!‟, rief Philippos und sah Artun strahlend an.
Die drei saßen auf dem Dach des Danotors. Unter ihnen zog die Dano langsam dahin. Jenseits des Flusses ging der Blick über die Ebene dahin, dann kamen sanfte Hügel und weit hinten konnte man die Zackenlinie des Eisgebirges im abendlichen Dunst erahnen.
Hinter ihnen lag das Handwerkerviertel der Danoburg, der großen Keltenstadt, und die vielen Häuser, von der Wehrmauer eingeschlossen und geschützt. An einigen Stellen war die Mauer beschädigt, man sah Baugerüste und aufgestapelte Lehmziegel und Balken.
Artun warf die hellbraunen Haare aus der Stirn und blickte in die Ferne.
„Das Eisgebirge, und hinter ihm ein ganz anderes Land, Etrusker und Griechen, das Meer.‟
„Und da willst du hin?‟ Eflida lächelte.
„Philippos ist hergekommen, warum sollten wir es nicht schaffen, hinzukommen?‟
„Drei Wochen, ist eine schöne Strecke, aber mit guten Pferden kein Problem‟, meinte Philippos.
Eflida sah die Freude im sonnengebräunten Gesicht des jungen Griechen, die lachenden dunklen Augen unter den schwarzen Haaren. Sie hatten ihn vor zwei Sommern in Isbona kennengelernt, ihrem Heimatort am Abnobawald, wo er als Sklave des Ortsherrn hatte leben müssen und dann mit ihrer Hilfe geflohen war. Vor zwei Wochen war er mit Händlern aus Massalia auf die Danoburg gekommen. Sein Vater, ein Priester des Apollon, hatte ihn ins Keltenland mitreisen lassen, weil Philippos unbedingt seine beiden Freunde wiedersehen wollte.
Vom Griechenmeer hatten sie immer wieder einmal gesprochen. Ihre Eltern waren lange dort gewesen, das waren bittere Jahre gewesen, aber sie hatten auch von der Schönheit des Meers, von der Wärme und der Blütenpracht, von den Inseln und den Tempeln erzählt.
„Artun, dein Ernst?‟ Eflida stupste ihren Bruder an.
Artun lächelte und sah dann in die Ferne.
„Ja, schon. Da ist so ein Gefühl. Ich will mal hinauskommen aus der Danoburg, aus dem Keltenland, mal etwas ganz anders sehen.‟
„Abenteuerlustig?‟
„Ja, kann schon sein. Und mal mit Philippos was Großes zu erleben, ihn mal in seinem Massalia zu besuchen.‟
Philippos zwinkerte Eflida zu.
„Artun will sehen, ob es stimmt, was ich so alles erzählt habe.‟
„Dann wollt ihr also zu zweit losziehen?‟, fragte Eflida.
Artun wandte sich ihr zu.
„Eflida, nein, du musst mit. Hättest du nicht auch Lust auf eine solchen Fahrt, überleg mal.‟
„Ich weiß nicht. Hier alles liegenlassen. Und unsere Eltern drüben in Isbona?‟
Sie merkte, dass Artun das nicht gern hörte.
„Sie müssen uns schon gehen lassen, klar‟, meinte er dann.
„Und Kekko? Hast du den vergessen?‟
Eflida erhob sich, balancierte das Dach entlang und turnte dann an der Seite hinunter auf den Wehrgang. Artun rief etwas, aber sie schaute sich nicht um.
Sie ging durch das Handwerkerviertel. Als sie bei dem Platz an der alten Linde vorbeikam, flatterte ein großer Rabe aus dem Baum vor ihre Füße und schaute sie mit schrägem Kopf an.
„Kekko, dich soll ich allein lassen. Geht das denn?‟
Sie lockte ihn und er flog auf und setzte sich auf ihre Hand. Sein schönes Gefieder schillerte, seine Augen glänzten.
Sie hatte den zahmen Raben, seit sie sechs war, also seit zehn Jahren, und sie liebte ihn. Auch Kekko hing an ihr. Gleichzeitig hing sie an Artun, und sie merkte, wie wichtig ihm diese Reise war. Auch sie reizte das Abenteuer. Wenn sie sich aber die Reise in den Süden vorstellte, lag ein Schatten darauf. Irgendetwas in ihr warnte sie.
In Gedanken verloren ging sie langsam weiter bis zu der kleinen Hütte, in der sie und Artun zwei Kammern hatten. Kekko flog ihr voraus.
Doch sie blieb nicht lange dort. Sie wollte mit Brigga sprechen, der Seherin der Danoburg, ihrer Freundin. Sie brauchte ihren Rat. Lange saßen sie in Briggas Haus zusammen und redeten. Brigga erzählte, dass auch sie einmal eine weite Reise gemacht hatte, zum Heiligtum der Großen Mutter fern gegen Sonnenuntergang. Sie versprach auch, gut auf Kekko aufzupassen. Das wog schwer für Eflida. Aber sie wollte die Botschaft des Kessels abwarten.
Drei Tage später sollte der Kessel der Weissagung befragt werden, wie bei jedem wichtigen Vorhaben auf der Danoburg. Jetzt plante man die erste große Handelsfahrt nach Massalia. Bisher waren meistens Griechen unterwegs gewesen, jetzt sollten auch Danoleute die weite Fahrt machen. Lirun sollte den Zug anführen. Der war ein Vetter Drunos, des jungen Herrn der Danoburg. Man wollte Bernstein, Wolle und Salz mitnehmen. Brigga sollte den Teutates und die Abnoba anrufen und befragen, ob die Fahrt glücklich verlaufen würde.
Eflida war nach dem Gespräch auf dem Danotor wieder freundlich mit Artun umgegangen, aber die Spannung zwischen ihnen war nicht vergangen. Artun hoffte auf einen günstigen Ausgang beim Orakel. Dann hatten sie beide nicht mehr von der Fahrt gesprochen.
Am Tag danach ging Eflida zum Brunnen. Kekko flog mit. Da kam plötzlich mit schnellen Schritten jemand hinter ihr her. Sie drehte sich um und da stand die alte Catua, mit ihrer Tochter Andraste an ihrer Seite. Catua war eine große, etwas füllige Frau und trug wertvolle Kleider.
„Na, Eflida, was muss man da hören? Artun und der Grieche wollen auf große Fahrt gehen? Und du bleibst hier?“, sagte Catua und zwinkerte ihr zu.
Eflida ärgerte sich. Was wusste denn diese Catua? Und woher? Hatten Artun und Philippos schon davon erzählt? Aber das konnte sie nicht glauben. Letztes Jahr bei der Belagerung hatte Eflida Catua gelegentlich gesehen. Sie war Witwe und eine weit entfernte Verwandte von Druno. In diesem Jahr sah man sie immer öfter und auch ihre heranwachsende Tochter, etwa ein Jahr jünger als Eflida, war nun zusammen mit der Mutter immer wieder im Haus des Druno anzutreffen. Eflida konnte die beiden nicht besonders gut leiden.
„Warum sagst du nichts, Eflida?‟ Andraste schaltete sich ein, und Eflida sah ihr Gesicht nah vor sich. Sie war hübsch, aber ihre Augen blickten leer und nicht gerade   freundlich. Kekko saß auf dem Brunnenrand und beäugte aufmerksam das Mädchen und sein schönes Hemd mit den Goldfäden am Ärmel.
„Eflida wird schon ihre Gründe haben. Komm, Schätzchen‟, sagte Catua zu Andraste, und zu Eflida gewandt erklärte sie: „Wir sind ja heute zu Druno eingeladen, den wollen wir nicht warten lassen.‟
Andraste hakte sich bei ihrer Mutter unter und dann zogen sie ab.
Eflida aber fühlte sich gar nicht gut. Wenn diese Catua und ihre Tochter von den Meinungsverschiedenheiten wussten, kamen vielleicht bald Gerüchte auf.
Dann war der Abend der Weissagung gekommen. Die Sonne war über der Albis untergegangen, es dämmerte auf der Danoburg. Dann sank die Sommernacht. Eine kleine Schar machte sich im Schein von Fackeln auf den Weg zum Opferplatz an der Dano.
Bald waren sie am Fluss angekommen. Dort lag der Opferplatz, umgeben von mächtigen, alten Eichen. In der Mitte lag ein Kalkstein, der Opfertisch. Auf ihm stand etwas, das mit einem Tuch verhüllt war. Daneben war eine Feuerstelle mit dicken Holzscheiten hergerichtet, mit einem eisernen Vierfuß darüber. Mehrere Tontöpfe standen dabei. Im Kreis boten viele kleinere Steine Sitzplätze. Vom Flussufer her hörte man das Quaken der Frösche. Manchmal zog im Dunkeln ein Vogel vorbei. Hinter den Eichen knisterte und knackte es immer wieder einmal im Buschwerk, wahrscheinlich strich da ein Tier durchs Unterholz. Es war ein heißer Tag gewesen und noch immer war die Luft mild.
Eflida sah, dass auch Catua und Andraste da waren, neben dem jungen Druno, dem Waffenmeister Leuket, Lirun, anderen Männern, die auf die Fahrt gehen sollten und einigen angesehenen Händlern und Handwerkern, darunter auch der Kunstschmied Mogon. Eflida wusste, dass Mogon den Kessel geschmiedet hatte, in langer, sorgfältiger Arbeit.
Brigga gab Eflida ein Zeichen, und sie gingen am Fluss entlang bis zu einer Stelle, wo man ins flache Wasser treten konnte. Im Dunkel strömte der Fluss ruhig dahin. Eflida leuchtete mit einem Kienspan. Brigga hatte wie schon oft Eflida gebeten, ihr zu helfen, weil Eflida in Isbona von der alten Swelta seit zwei Jahren in die Geheimnisse und das Wissen der Kelten eingeführt wurde.
Kein Wort fiel zwischen den beiden. Brigga zog ihr Kleid aus. Sie trat ins Wasser und wusch sich Gesicht, Arme und Beine mit langsamen Bewegungen. Das war die Reinigung, die vor der Anrufung der Götter notwendig war. Dann trocknete sie sich mit einem Tuch ab und streifte ein langes weißes Gewand über. Sie löste ihre Flechten, bis das lange Haar herunterhing. Um den Kopf legte sie ein weißes Band. Sie hob die Hände zum Himmel und murmelte halblaut ein Gebet. Dann war sie bereit.
Als sie wieder in den Kreis traten, brannte das Feuer schon. Eflida sah die Gesichter der Wartenden im Feuerschein leuchten. Ihr Blick fiel auf Artun und Philippos, dann auf Druno. Neben Druno hatte sich Andraste gesetzt, ihre Mutter an der anderen Seite. Wieder diese beiden! Andraste schien mit Druno zu flüstern.
„Eflida, kommst du?‟, sagte Brigga leise. Eflida gab sich einen Ruck. Was war schon dabei, wenn Andraste sich neben Druno gesetzt hatte? Druno war eben ein netter, junger Mann. Nachdem sein Vater krank geworden war, hatte Druno die Herrschaft auf der Danoburg übernommen.
Brigga murmelte erneut einen Spruch und zog das Tuch vom Kessel. Im ungewissen Schein der Flammen glänzte die Bronze und blitzten die Goldornamente an den beiden Henkeln. Gesichter von Göttern, Schlangen und Sonnen leuchteten auf der Wand des Kessels. Brigga und Eflida setzten den Behälter vorsichtig auf den Vierfuß über das Feuer. Aus den Tontöpfen ließen sie dann das gesegnete Wasser aus der Lichtwaldquelle in den Kessel rinnen. Brigga flüsterte einen Spruch und streute dann das Eisenkraut gegen Verletzungen, die Engelwurz für Kraft, die Mistelzweige gegen Entzündungen und einiges anderes hinein, das Eflida nicht kannte. Die ersten Blasen stiegen empor. Immer stärker brauste die Flüssigkeit. Dunkle und helle Dinge wirbelten empor und wurden von der brodelnden Oberfläche wieder verschlungen.
Brigga wartete lange, dann hob sie die Arme über dem Kessel.
„Ich spüre die Kraft des Kessels, die Kraft Abnobas und des Teutates.‟
Leise und langsam kamen die Worte von ihren Lippen. Wie gebannt verfolgten die Anwesenden das Schauspiel. Das Feuer unter dem Kessel loderte nun nicht mehr, die Scheiter glommen und bläuliche Flämmchen huschten darüber hin. Licht spendete jetzt fast nur noch ein Kienspan, der an einem bronzenen Pfahl steckte.
Die Seherin senkte die Arme und griff in einen Krug, den ihr Eflida hinhielt. Eflida wusste nicht, was der Krug enthielt. Brigga hatte ihr nichts davon gesagt. Es war ein rötliches Pulver. Brigga nahm eine Handvoll und hob die Arme. Eflida sah nun den Ernst und die Anspannung in Briggas Gesicht. Brigga schloss die Augen.
„Walle, walle,
sag uns Wahrheit
gibt uns Kunde!‟
Eflida wusste: Jetzt erst war der Kessel bereit für das Opfer.
Brigga öffnete die Augen und warf das geheimnisvolle Pulver in den Sud. Der schien in Aufruhr zu geraten. Es zischte, Spritzer schossen aus dem bebenden Kessel. Ein Dunst stieg auf und waberte über den Opferplatz. Eflida konnte die Zuschauer kaum noch erkennen. Dann wurde es plötzlich fast ganz dunkel. Der Kienspan in seinem Bronzehalter war erloschen. Wie konnte das sein? War es ein Windhauch gewesen? Oder hatte jemand das Licht ausgelöscht?
Jemand rief nach Licht. In diesem Augenblick schien etwas links von Eflida am Kessel vorbeizuhuschen, ein dunkler Umriss, den die Finsternis und der Nebel sofort wieder verschlangen. Eflida schauderte es. War da jemand gewesen? So nahe am Kessel? Oder … waren da andere Mächte im Spiel?
Ein kleines Licht flammte nun auf. Jemand hatte einen Kienspan an dem glosenden Holz entzündet und einige Zweige in die Glut gelegt.  Man konnte nun wieder die Umrisse der Menschen erkennen.
Brigga stand immer noch unbewegt schräg vor Eflida. Sie gab ein Zeichen, und Eflida reichte ihr den Bronzeteller, auf dem das Opfer unter einem Tuch lag. Eflida zog das Tuch weg und da lag es, das kleine, feste Herz einer Ziege, die man am Nachmittag geopfert hatte.
Brigga nahm das Herz mit beiden Händen, hob es hoch empor über den brausenden Kessel und rief über den Kessel hinweg:
„Herr und Herrin,
nehmt unsre Gabe!‟
Dann senkte sie die Arme und ließ das Herz in die Flüssigkeit gleiten. Der Kessel schien sich zu beruhigen, das Herz tauchte allmählich langsamer auf und nieder. Schaum trat an die Oberfläche und bildete seltsame Figuren.
Brigga beugte sich nun langsam über den Kessel und wandte keinen Blick von ihm ab. Es war still in der Runde. Die Flammen unter dem Kessel züngelten schwächer.
„Ich sehe Kraft, und Ruhe. Ich sehe etwas Gelbes, etwas Goldenes. Es glänzt, es schimmert. Es zieht an und stößt ab.‟
Brigga hielt inne und fuhr leise fort.
„Ich sehe ein offenes Auge, ja, ein Auge, ein dunkles Auge. Jetzt, jetzt ist es geschlossen. Und ich sehe …. das Herz, es ist dunkel, es dreht sich, es ist verschwunden, es wird verschlungen.‟
Funken flogen neben dem Kessel in die Luft. Brigga schien erschöpft zu sein.
„Nun sehe ich das Herz wieder, es ist nicht untergegangen, es glänzt … und es bleibt fest.‟
Brigga murmelte Worte, die Eflida nicht verstehen konnte.
Die Seherin ließ die Arme sinken und schwankte ein wenig. Eflida merkte es zum Glück gleich und griff sie am Arm. Aber es war nur ein Augenblick, dann war die Schwäche wieder vergangen. Brigga straffte sich.
„Leute von der Danoburg, die Götter geben uns gute Zeichen!‟
Der Bann schien nun gebrochen, die Zuschauer atmeten auf und nickten sich stumm zu.
Eflida musste nun Brigga den kleinen Bronzelöffel mit dem Sonnensymbol und dem langen Stiel reichen. Brigga tauchte den Löffel ein, schöpfte und hob das Löffelchen mit dem Sud hoch empor. Dann stieß sie Worte aus, die Eflida nicht verstand und schleuderte den Sud in Richtung der Anwesenden. Diese riefen zustimmende Worte. Noch zweimal wiederholte Brigga das Ritual. Eflida wusste, dass so der Segen des Kessels auf alle Anwesenden und auf die Reisenden übergehen würde.
Damit war die heilige Handlung beendet. Brigga dankte der Abnoba und allen guten Göttern und man trennte sich.
Am nächsten Tag kam Brigga schon früh zu Eflida und Artun. Eflida merkte gleich, dass die Seherin etwas auf dem Herzen hatte.
Brigga berichtete, dass sie gestern das Ziegenherz aus dem Sud gehoben hatte und wie sie dann den Kesselsud über den Opferstein ausgegossen hatte, wie es Sitte war. Die Flüssigkeit rann am Stein herunter, und am Ende blieb wie immer der Satz übrig und lag auf dem Stein.
„Ich sah die Kräuterreste, ich sah Schaum, aber dann ...‟, Brigga stockte.
„Was war dann? Du machst es spannend‟, sagte Artun.
„Vielleicht täusche ich mich, aber im Licht des Kienspans sah ich etwas Glitzerndes im Sud. Ich nahm es zwischen zwei Finger. Es war ein kleines Auge, ein Schlangenauge.‟
„Ein Schlangenauge? Bist du sicher?‟, sagte Eflida.
„Ja, mit dem senkrechten Spalt und dem gelben Augapfel der Aspisviper.‟
Eflida wusste, dass diese Viper selten war und giftig.
„Wie kommt das Auge da hinein?‟, warf Artun ein.
„Als ich den Kessel nahm, habe ich ihn umgestülpt und ausgewischt, da kann es kaum drin gewesen sein. Und ich habe es nicht hineingegeben‟, erklärte Brigga.
„Von selbst kommt kein Schlangenauge in den Kessel. Wer kann das getan haben? Und wann?‟, überlegte Eflida.
Da fiel ihr der huschende Schatten ein und sie berichtete von ihrem Eindruck.
„Dazu passt, dass der Kienspan ausging. Könnte jemand gelöscht haben, um dann ...‟. Artun runzelte die Stirn.
„Aber wozu?‟.
„Schadenszauber. Wenn es so war, wollte jemand die Reise stören und Böses herbeiziehen‟, meinte Brigga.
Eflida beschlich ein ungutes Gefühl. Sie wollte so etwas nicht hören, sie wehrte sich dagegen.
„Jetzt wollen wir nicht schwarzsehen. Unsere Fahrt wird glücklich sein. Du hast es im Kessel gesehen, Brigga!‟
Artun staunte. „Du denkst, wir sollten fahren?‟
„Ja, Artun.‟ Sie lächelte ihn an und sah die Freude in seinem Gesicht. „Brigga hat Gutes gesehen. Lasst uns auf die Götter vertrauen.‟
Eflida und Artun mussten nun noch die Zustimmung der Eltern haben. Sie machten sich auf den Weg nach Isbona und berichteten von ihrem Plan und von dem günstigen Spruch des Kessels. Eponike hörte tapfer zu und gab ihr Einverständnis, wenn sie auch schnell eine Träne wegwischte. Grann umarmte Eponike und nickt den beiden zustimmend zu. Später sagte er zu ihnen, dass es ihnen beiden Alten sehr schwer falle, dass sie aber wüssten, dass ihre Kinder allmählich erwachsen würden.
Dann besuchten sie den alten Ul am Ulfelsen und Swelta auf der Brigia-Insel, die sie herzlich empfingen. Sie baten um Verständnis, dass sie die Lehre bei den beiden Sehern unterbrechen wollten, um die Welt der Griechen kennenzulernen. Ul nickte und segnete sie stumm. Swelta meinte: „Ihr müsst eurem Stern folgen. Ihr wisst, wo wir sind.‟
Dann ritten die beiden zurück.
Auf der Danoburg hatten sie dann viel zu tun, um alles für die Fahrt vorzubereiten. Sie richteten ihre Sachen und sie verabschiedeten sich von den Freunden und Bekannten.
Einmal stieß Eflida auf ihrem Weg auf Catua.
„Eflida, da finde ich dich endlich. Es ist schändlich, was dein Rabe angerichtet hat. Das lasse ich nicht zu!‟
„Nun mal langsam und ganz ruhig bleiben‟, erwiderte Eflida.
„Ruhig bleiben? Dieser Vogel hat Andrastes schönstes Hemd zerstört, das mit den Goldfäden am Ärmel. Das lag zum Trocknen auf der Wiese bei unserm Haus. Dann kam dieser Kekko mit einer toten Maus im Schnabel, landete auf dem Hemd und fraß die Maus. Das war eine Sauerei. Ekelhaft, wie das Hemd nun aussieht.‟
Eflida musste ein Lachen unterdrücken.
„Catua, das tut mir leid. Ich wasche dir das Hemd.‟
Aber Catua war nicht zu besänftigen.
„Nein, nein, das mache ich lieber selbst! Was wird das werden mit diesem Vogel, wenn ihr weg seid? Meine Nachbarin Zussa hat mir gestern erst erzählt, dass er bei ihr in die Küche eingedrungen ist. Dort will er aus einem Krug mit Saft trinken, bleibt mit dem Schnabel aber stecken und fällt zusammen mit dem Krug zu Boden. Der Krug in Scherben, Kekko passiert natürlich nichts. Dann klaut er ein Ei aus einer Schüssel, flattert ins Bett der beiden und versteckt sich dort. Zussa sucht ihn, hört Geräusche, schlägt die Decken auseinander und ertappt den Kerl dabei, wie er das Ei aufhackt und ausschlürft. Er hüpft mit seinen verschmierten Krallen auf Zussas Schulter und fliegt weg. So geht das nicht weiter! Und außerdem: Raben sind … Unglücksboten!‟
Eflida seufzte. Sie wusste, dass Zussa die Hauptgegnerin Kekkos war und ihn oft verscheucht, angeschrien und mit dem Besen geschlagen hatte. Sie musste Brigga noch einmal genau erklären, worauf sie aufpassen musste.
Mit Druno verbrachten sie den letzten Abend vor der Reise. Eflida spürte, wie schwer es allen dreien fiel. Als Druno sie zum letzten Mal umarmt hatte und gegangen war, nahm Eflida Kekko auf ihre Hand und sprach leise auf ihn ein. Sie versprach ihm, dass Brigga gut für ihn sorgen würde und dass sie bald wiederkämen. Es schien ihr, als ob Kekko zuhörte. Seine dunklen Augen glänzten. Er pickte ihr an ihre Ohrringe, wie er es manchmal tat. Es wurde ihr schwer ums Herz. Zum Glück krächzte Kekko und schwang sich in sein Nest auf dem Deckenbalken.
„Er wird es gut haben. Wir waren schon öfter mal weg, er ist ja sehr selbständig, ist selbst mal einige Tage verschwunden‟, meinte Artun.
Eflida nickte tapfer. Er hatte ja recht, aber so lange waren sie noch nie getrennt gewesen.
Am anderen Tag sammelten sich die Händler, Eflida und Artun in der Morgendämmerung. Ein fauchender Wind wehte von Sonnenuntergang her, von dort, wo noch das Dunkel der Nacht über dem Land lag. Dorthin würde der Ritt der nächsten Tage gehen. Ohne viele Worte saßen sie auf und machten sich auf den weiten, gefahrvollen Weg.